Planetary Health Diet

EAT-Lancet 2.0 – Planetary Health Diet mit erweiterten Grundlagen und neuen Daten

Aufbauend auf die Erkenntnisse des ersten EAT-Lancet Reports von 2019 liegt nun mit EAT-Lancet 2.0 ein Folgebericht mit erweiterter Perspektive vor. Neben den Aspekten der menschlichen Gesundheit und der Einhaltung der planetaren Grenzen bildet Gerechtigkeit einen zentralen Begriff und eine Erweiterung des Konzeptes und seiner Handlungsempfehlungen.

Gesundheit

Das Ernährungsmodell aus dem Bericht von 2019 bildet nach wie vor einen Referenzrahmen: Eine Vielfalt von möglichst naturbelassenen Lebensmitteln überwiegend pflanzlicher Herkunft, ergänzt von moderaten Mengen tierischer Lebensmittel und mit wenig gesättigten Fetten, Zucker und Salz. , Je nach individuellen, kulturellen und geographischen Voraussetzungen können unterschiedliche Ernährungsweisen und -traditionen in diesem Rahmen ihren Platz finden. Eine globale Umsetzung der Planetary Health Diet (PHD) könnte etwa 15 Millionen ernährungsbedingte vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern und eine gesunde Langlebigkeit ermöglichen.

Planetare Grenzen

Für alle neun planetaren Grenzen wurde erstmals der Einfluss des Ernährungssystems im Bericht quantifiziert. Zugleich wurde ein sicherer Bereich für den Anteil des Ernährungssystems am gesamten menschlichen Einfluss auf das Erdsystem definiert, um die planetaren Grenzen nicht länger zu überschreiten bzw zu gefährden. Immerhin ist der Ernährungssektor global betrachtet der wichtigste Treiber für die Überschreitung der planetaren Grenzen. Für fünf der sechs bereits überschrittenen planetaren Grenzen ist der Ernährungssektor entscheidend verantwortlich:

– Der Süßwasserverbrauch, bei dem die globale Landwirtschaft der wichtigste Treiber ist
– die Stoffkreisläufe von Stickstoff und Phosphor, die fast ausschließlich die Landwirtschaft betreffen: Hier wird die Notwendigkeit eines globalen Nährstoffmanagements und die Schaffung von funktionierenden Stoffkreisläufen sehr deutlich. Die global sehr unterschiedliche Verteilung dieser beiden Nährstoffe verursacht Mangel auf der einen und Überdüngungsprobleme auf der anderen Seite.
– der Gebrauch neuer Substanzen, der aufgrund von zu wenig Forschung kaum einzugrenzen ist, betrifft ebenfalls massiv den Ernährungssektor: von Pestiziden über Plastik bis zu Antibiotika.
– Der globale Biodiversitätsverlust wird größtenteils von der Landwirtschaft verursacht.
– Landnutzungsänderungen, insbesondere Entwaldung, werden ebenfalls hauptsächlich von der Landwirtschaft verursacht und haben zugleich einen massiven Einfluss auf Biodiversität und Klima. Daher ist ein sofortiger Stopp derartiger Landnutzungsänderungen erforderlich.

Die folgende, aus dem Bericht entnommene Grafik veranschaulicht die planetaren Grenzen und den Anteil des Ernährungssektors an ihrer Überschreitung.

Gerechtigkeit

Der neue Aspekt des Berichtes, die Bezugnahme auf Gerechtigkeit, umfasst die Begriffe Verteilungsgerechtigkeit, repräsentative Gerechtigkeit und recognitional justice, was sich evtl mit „Anerkennungsgerechtigkeit“ übersetzen ließe und sich auf Gerechtigkeit für alle sozialen Gruppen in einer Gesellschaft bezieht. Der Begriff „Verteilungsgerechtigkeit schließt außerdem ausdrücklich die intergenerationelle Gerechtigkeit, also die Einbeziehung der Rechte kommender Generationen, mit ein. Wichtig ist außerdem, dass alle drei Gerechtigkeitsbegriffe sowohl innergesellschaftlich, als auch international und global angewendet werden.

Als verbindender Rahmen werden hierbei die drei Menschenrechte mit direktem Bezug zur Ernährung, also das Recht auf Nahrung, das Recht auf eine gesunde Umgebung und das Recht auf annehmbare Arbeit herangezogen. Für fast die Hälfte der Weltbevölkerung sind diese Rechte nicht gesichert. Zugleich bewirkt die Ernährungsweise der reichsten 30 % der Weltbevölkerung mehr als 70 % der Umweltbelastungen des gesamten Ernährungssystems. Daran zeigt sich die ungleiche Verteilung der Vor- und Nachteile des derzeitigen Systems.
Zugleich ist Gerechtigkeit sowohl angestrebtes Ziel als auch Voraussetzung für die notwendige Transformation des Ernährungssystems – beides lässt sich nur zusammen entwickeln.

Konkrete Schritte und klare Ziele

Um dem angestrebten Ziel einer gesunden Ernährung für alle, innerhalb der planetaren Grenzen und in einem gerechten System, näher zu kommen, empfiehlt die Kommission acht Ziele:

– Die Entwicklung einer Ernährungsumgebung*, die gesunde Ernährung attraktiv, zugänglich und erschwinglich macht
– Erhaltung und Förderung traditioneller Ernährungsweisen, die zur PHD passen
– eine ökologisch verträgliche Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion

– strenger Schutz für alle noch vorhandenen intakten Ökosysteme
– Maßnahmen entlang der gesamten Produktionskette, um Lebensmittelverluste und – verschwendung zu reduzieren
– Sicherstellung von angemessenen Arbeitsbedingungen
– Gewährleistung einer sinnvollen Interessenvertretung für alle
– Identifikation und Schutz für marginalisierte Gruppen

Unser globales Ernährungssystem ist ein zentrales Bindeglied zwischen den Bereichen Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft. Veränderungen dieses Systems beeinflussen das Wohlergehen von uns allen – und haben zugleich starken Einfluss auf das Erreichen wichtiger Meilensteine wie dem Pariser Klimaabkommen, den SustainableDevelopment Goals und dem Kunming-Montreal- Abkommen zur Biodiversität. Ohne eine Transformation des globalen Ernährungssystems sind die Biodiversitäts- und die Klimakrise nicht lösbar.

Vor diesem Hintergrund betont der Bericht die dringende Notwendigkeit einer umfassenden Transformation des globalen Ernährungssystems: Erforderlich sind gut abgestimmte globale Maßnahmen und eine beispiellose Veränderung unserer Ernährungs- und Produktionsgewohnheiten. Hierbei ist es wichtig, politische Entscheidungen vor unangemessenem Einfluss großer Konzerne zu schützen und die wichtige Rolle von Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen anzuerkennen.

*Ernährungsumgebung: Die gesamte „Schnittstelle“zwischen Mensch und Ernährungsentscheidungen, von Traditionen und Gewohnheiten über Werbung bis hin zum tatsächlich vorhandenen und zugänglichen Angebot an Nahrungsmitteln.




Kurze Einführung in die Planetary Health Diet

Im Jahr 2050 werden wir voraussichtlich etwa 10 Milliarden Menschen auf der Erde sein. Um alle nachhaltig und gesund zu ernähren, ist eine grundlegende Veränderung unserer Landwirtschaft und Ernährungsweise nötig.
Einen Weg, wie das gelingen kann, zeigt der Report der EAT-Lancet-Kommission. Er wurde 2019 veröffentlicht und formuliert das Konzept der Planetary Health Diet. Der Kommission gehören 37 Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und 16 Ländern an. Das Ziel der Forscher war es, eine wissenschaftliche Grundlage für einen Wandel des globalen Ernährungssystems zu schaffen. Dabei geht es sowohl um die menschliche Gesundheit als auch um die unseres Planeten – ernährungsbedingte Krankheiten und dadurch bedingte vorzeitige Todesfälle sollen weitestmöglich vermieden und die planetaren Grenzen der Erde nicht überschritten werden.

Um diese Ziele zu erreichen, formuliert der EAT-Lancet-Report präzise Vorgaben für die globale Landwirtschaft und für die Ernährung.

Für die Landwirtschaft bedeutet das, innerhalb eines sicheren Bereichs bezüglich der relevanten planetaren Grenzen zu wirtschaften. Es gibt sechs Faktoren, von denen unsere Ernährungsversorgung abhängt: Wasser, Land, biologische Vielfalt, Klima, Stickstoff und Phosphor. Für jeden Faktor schlagen die Wissenschaftler Grenzen vor, innerhalb derer die globale Lebensmittelproduktion in Zukunft agieren sollte.

Die notwendigen Veränderungen fasst Professor Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Co-Leiter der EAT-Lancet-Kommission folgendermaßen zusammen:

„Unsere Definition von nachhaltiger Lebensmittelproduktion setzt voraus, dass wir die Landnutzung nicht ausweiten, dass wir die existierende biologische Vielfalt erhalten, den Wasserverbrauch reduzieren und verantwortungsvoll mit Wasser umgehen, die Schadstoffbelastungen durch Stickstoff und Phosphor erheblich einschränken, die CO2-Emissionen auf Null senken und keine weitere Zunahme der Emissionen von Methan und Stickoxiden verursachen. Es gibt zwar kein Wundermittel, um schädliche Produktionspraktiken zu bekämpfen, aber indem ein sicherer Bereich für Ernährungssysteme definiert wird, kann eine Ernährungsweise identifiziert werden, die die menschliche Gesundheit und die ökologische Nachhaltigkeit fördert.“

Ein neues Ernährungssystem zu entwickeln und durchzusetzen, sei eine gewaltige Aufgabe, sagt Rockström. Notwendig sei eine globale Revolution der Landwirtschaft.

Fünf Strategien für die globale Ernährungswende

Anhand von Modellberechnungen kamen die Wissenschaftler der EAT-Lancet-Kommission zu dem Ergebnis, dass die „Planetary Health Diet“ und die definierten Ziele für eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung nur innerhalb der planetaren Grenzen bleiben, wenn gleichzeitig die Lebensmittelabfälle halbiert werden. Insgesamt haben die Forscher fünf sofort umsetzbare Strategien entwickelt, wie eine nachhaltige Ernährungswende gelingen könnte.

1. Gesündere Ernährung fördern

Die Menschen sollen zu einer gesünderen Ernährungsweise ermutigt werden. Dazu gehören eine verbesserte Verfügbarkeit und ein verbesserter Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln, strengere Vorgaben für die Lebensmittelsicherheit und eine Politik, die den Einkauf aus nachhaltigen Quellen fördert. Neben Werbeeinschränkungen und Ernährungskampagnen ist auch die Erschwinglichkeit guter Lebensmittel entscheidend. Andererseits müssten sich die durch die Lebensmittelerzeugung verursachten Umweltkosten genauso in den Preisen widerspiegeln wie die Produktionskosten.

Daher müsste mit höheren Lebensmittelpreisen eine soziale Absicherung einhergehen, um sozial benachteiligte Menschen nicht zurückzulassen.

2. Qualität und Vielfalt statt Quantität in der Landwirtschaft

Der Fokus der Landwirtschaft sollte weg von hohen Erträgen hin zu einer Vielfalt an nährstoffreichen Nahrungsmitteln gelenkt werden. Statt wenige Kulturen zu fördern, von denen heute ein Großteil an Tiere verfüttert wird, sollte die globale Agrarpolitik Anreize für Erzeuger schaffen, um nahrhafte, pflanzenbasierte Lebensmittel zu produzieren. Außerdem schlägt die Kommission vor, Programme zur Unterstützung vielfältiger Produktionssysteme zu entwickeln und Forschungsvorhaben zu unterstützen, die die Qualität der Ernährung und die Nachhaltigkeit erhöhen.

3. Landwirtschaft nachhaltig intensivieren

Die Investition in die ökologische Landwirtschaft ist ein Schlüsselfaktor. Die Produktion müsste aber nicht nur nachhaltiger, sondern gleichzeitig effektiver werden. Zum Beispiel könnten Ernteerträge durch die Verwendung von trockenheitsresistenten Pflanzen und optimierter Bewässerung gesteigert werden. Die Bodenqualität könnte durch geeignete Anbaumethoden erhöht werden.

4. Strenge Vorgaben für die Nutzung von Land und Meer

Die Nutzung von Land und Meeren sollte streng reglementiert werden, um die natürlichen Ökosysteme zu erhalten und gleichzeitig die Lebensmittelversorgung zu sichern. Als Maßnahmen schlägt die EAT-Lancet-Kommission zum Beispiel vor, intakte natürliche Landflächen zu schützen, Rodungen zu verbieten und degradiertes Land wieder fruchtbar zu machen. Außerdem sollten 10 Prozent der Meeresfläche für die Fischerei gesperrt werden und Aquakulturen langsam wachsen.

5. Lebensmittelabfälle halbieren

Die Mehrheit der Lebensmittelverluste geschieht in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen während der Lebensmittelproduktion. Die Gründe: schlechte Ernteplanung, fehlender Zugang zum Markt und fehlende Infrastrukturen, um Lebensmittel zu lagern und zu verarbeiten. Eine erhöhte Investition in Technologien und in die Ausbildung von Landwirten wären hier notwendige Maßnahmen. Dagegen ist Lebensmittelverschwendung in Ländern mit hohem Einkommen ein Thema, wo sie in erster Linie durch den Handel und die Verbraucher*innen verursacht wird. Empfohlen werden Maßnahmen der Verbraucher*innenbildung, zum Beispiel um die Einkaufsgewohnheiten zu ändern oder den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum zu erklären. Auch das Know-how zur Lagerung und Zubereitung von Lebensmitteln sowie zu Portionsgrößen und zur Verwendung von Resten muss vermittelt werden.

Neben diesem Referenzrahmen für die Landwirtschaft beinhaltet das Konzept einen genau ausgearbeiteten Vorschlag für eine gesunde und nachhaltige Ernährung.

Wichtig ist bei der folgenden Tabelle, dass sie einen Rahmen bieten will, aber zugleich individuelle und kulturelle Vorlieben im Rahmen der Spannbreiten verwirklicht werden können.
Zugleich gibt die Kommission selbst zu bedenken, dass diese Ernährungsangaben nicht in allen Teilen der Welt gleichermaßen umsetzbar sind – nomadisch lebende Menschen in kargen Weidelandschaften werden z. B. naturgemäß einen höheren Fleischkonsum haben, weil Getreide, Gemüse etc. bei ihnen nur begrenzt verfügbar sind.

Von solchen Ausnahmen abgesehen bietet dieser Rahmen jedoch eine sinnvolle Orientierung.

Diese Grafik stellt den gleichen Ernährungsplan etwas anschaulicher dar:
Hierbei wurden allerdings Obst und Gemüse nach Volumen, alle anderen Komponenten nach Kalorienanteil an der Gesamtration dargestellt.

Grafik: www.eatforum.org